Aktuelles / Samstag, 09.12.2017

Der Fehrbelliner Platz kehrt
zu seinen Wurzeln zurück

Am Fehrbelliner Platz bestimmt wieder die Aktentasche den Standard-Look. Die Flüchtlinge, die seit 2015 im Rathaus Wilmersdorf wohnten, sind ausgezogen.

Von Carolin Brühl

Morgens zwischen sieben und neun, Fehrbelliner Platz, Wilmersdorf. Frauen und Männer mit Aktenköfferchen und in mehr oder weniger dezenter Bürokluft eilen aus dem roten Schlund des U-Bahnhofs, greifen in den Geldbeuteln nach ihren Einlasskarten. Dann verteilt sich der Strom sternförmig in die verschiebenden Gebäude im Rund.
Das Werktagsgesicht des hufeisenförmigen Platzes erinnert ein wenig an Szenen in Michael Endes Buch „Momo“, in dem ein kleines Mädchen beherzt gegen „graue Männer“ antritt, die die Zeit anderer Menschen stehlen. Doch das ist ein lästerlicher Vergleich, denn die Damen und Herren auf dem Fehrbelliner Platz, sind zum Besten des Gemeinwohls unterwegs. Rund um den Platz wird nämlich immerhin seit fast 100 Jahren verwaltet, was das Zeug hält.
Nach der Eingemeindung der bis dahin selbstständigen Stadt Wilmersdorf zu Groß-Berlin 1920, machten die gegenüber dem Berliner Zentrum vergleichsweise niedrigen Bodenpreise den Stadtplatz für Verwaltungsneubauten attraktiv. Der bereits seit 1913 bestehende U-Bahn-Anschluss war ein weiteres Plus des Standorts. Vieles ist seit Jahrzehnten geblieben. Doch es gibt auch Bewegung auf dem Platz. So sind in dieser Woche die letzten Flüchtlinge aus dem ehemaligen Rathaus Wilmersdorf ausgezogen. Die neuen Nutzer stehen schon in den Startlöchern. Aktuell haben etwa 10.000 Menschen ihren Arbeitsplatz am Fehrbelliner. Beschäftigt sind sie nicht nur in den verschiedenen Behörden, sondern auch in den Geschäften und gastronomischen Einrichtungen, die der Versorgung der Verwalter dienen. Hier ein Überbick:

Altes Rathaus Wilmersdorf

Seit Mitte August 2015 wurde das alte Rathaus Wilmersdorf als Notunterkunft für Flüchtlinge genutzt, am 14. August 2015 zogen die ersten Geflüchteten ein, zehn Tage später waren dort schon 600 Flüchtlinge untergebracht. Die Unterkunft wurde vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) betrieben, der von Freiwilligen unterstützt wurde. Inzwischen sind alle Flüchtlinge ausgezogen. Ins alte Rathaus ziehen in den nächsten Monaten die rund 800 Mitarbeiter der Senatsverwaltungen aus der Württembergischen Straße 6, weil ihr Gebäude saniert werden muss. Nach der Sanierung sollen nur noch die Mitarbeiter der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen zurückkehren. Was nach dieser Zeit mit dem alten Rathaus passiert ist noch unklar. Diskutiert wurde auch einmal eine Nutzung des Gebäudes von Landesarbeitsgericht und Landesrechnungshof. Diskutiert wurde auch einmal eine Nutzung des Gebäudes von Landesarbeitsgericht und Landesrechnungshof. Sowohl Rechnungshof als auch Landesarbeitsgericht wurden in der Vergangenheit mit dem Rathaus Wilmersdorf in Verbindung gebracht. Mittlerweile wurde die Entwicklung jedoch überholt: Der Rechnungshof ist in die Spreebögen gezogen, das Landesarbeitsgericht verbleibt am Magdeburger Platz.

Deutsche Rentenversicherung

An der westlichen Ecke des Platzes steht das 1970-1973 von den Gebrüdern Jan und Rolf Rave errichtete Haus der Deutschen Rentenversicherung. Im gesamten Gebäudekomplex, der sich vom Fehrbelliner Platz entlang der Brandenburgischen bis hin zur Konstanzer Straße erstreckt, sind rund 4000 Mitarbeiter damit beschäftigt, die Rentenbeiträge von Angestellten zu hamstern.

Hochhaus mit zwei Senatsverwaltungen

Gegenüber ragt an der Württembergischen Straße 6 Hochhaus des Senats aus den 50er-Jahren über die Bäume des Preußenparks. Genutzt wird es von rund 800 Mitarbeitern der Verwaltungen für Stadtentwicklung und Wohnen sowie Umwelt, Verkehr und Klimaschutz.

Landesverwaltungsamt

Am Fehrbelliner Platz 1 sitzt das Landesverwaltungsamt (LVwA) mit rund 550 Mitarbeitern. Das LVwA verwaltet sozusagen die Mitarbeiter der Landesbehörden und steht den Berliner Landeseinrichtungen und deren Beschäftigten als Personaldienstleister für die Aufgabenbereiche Beihilfe, Versorgung, Personalaktenführung und Kindergeld zur Verfügung. In diesen Aufgabenbereichen werden unter anderem für rund 62.000 Versorgungsberechtigte die Bezüge berechnet und ausgezahlt, etwa 480.000 Beihilfebescheide im Jahr gefertigt,rund 16.800 Personalakten für 19 Berliner Dienststellen geführt und 17.000 Kindergeldzahlungen im Monat für 41 betreute Dienststellen veranlasst. Neben den Mitarbeitern des LVwA nutzt auch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung 160 Arbeitsplätze in dem Gebäude.

Senatsverwaltung für Stadtentwicklung

Im halbrunden geschwungenen Gebäude am Fehrbelliner Platz 2 direkt hinter dem poppig-rotverfliesten Eingangsgebäude zum U-Bahnhof sind ebenfalls Teile der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung mit 170 Arbeitsplätzen untergebracht.

Bundesanstalt für den Digitalfunk

Am Fehrbelliner Platz 3 sitzt die Bundesanstalt für den Digitalfunk der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BDBOS). Sie hat die Aufgabe auf Grundlage des BDBOS-Gesetzes die Aufgabe, den Digitalfunk BOS aufzubauen, zu betreiben und dessen Funktionsfähigkeit sicherzustellen.Die Behörde hat 497 Mitarbeiter und wurde 2007 mit Sitz in Berlin gegründet. Sie gehört zum Geschäftsbereich des Bundesministeriums des Innern (BMI). Der Digitalfunk BOS ist das bundesweit einheitliche digitale Sprech- und Datenfunksystem für die Einsatzkräfte von Polizeien und Feuerwehren, Rettungskräfte sowie Katastrophen- und Zivilschutzbehörden in Bund und Ländern.

Bürgeramt und Kommunale Galerie

Auch wenn das alte Rathaus Wilmersdorf am Fehrbelliner Platz 4 seit 2014 kein Rathaus mehr ist, hat sich die Bezirksverwaltung noch nicht ganz vom Standort Fehrbelliner Platz gelöst. Im dahinter liegenden Hochhaus am Hohenzollerndamm 177 arbeiten rund 500 Menschen im Bürgeramt, in einigen Abteilungen der bezirklichen Bau- und Stadtentwicklungsverwaltung und in der Kommunalen Galerie mit Ausstellungen Berliner Künstler.

Streetfood statt Kantinenessen: Auf dem Fehrbelliner Platz essen Büromenschen wie in Szenebezirken. Foto: Thomas Schubert

Bei schönem Wetter belebt sich der Platz zur Mittagszeit. Sonnige Alternative zu den Kantinen ist etwa der kleine, aber durchaus internationale Food Market, der sich dienstags und donnerstags vor dem Rathaus Wilmersdorf etabliert hat. Und an den Wochenenden zieht es Fans von authentisch thailändischem Essen auf die große Wiese des Preußenparks. Eine Nutzung, die nicht ganz unstrittig ist. Gemausert hat sich auch ein ehemals trostloser Parkplatz inmitten des Platz, auf dem es seit 2001 Jahren am Eingang zum Preußenpark das Parkcafé mit einem beliebten Biergarten gibt.