Aktuelles / Dienstag, 21.02.2017

Der Fahrrad-Doktor, der
Hausbesuche macht

Anruf oder SMS genügt: Norbert Winkelmannist der Mann, der anrückt, wenn das Fahrrad streikt. Foto: Katja Wallrafen

Riss im Reifen, Fahrrad-Kette klemmt: Anruf oder SMS genügt und in der City West rollt die mobile „RadAmbulanz“ von Norbert Winkelmann an.

Von Katja Wallrafen

Mit einem kaputten Fahrrad kommt man schlecht zur Werkstatt – dieser Gedanke brachte Norbert Winkelmann im Frühling 2003 auf die Idee, eine mobile „RadAmbulanz“ anzubieten. Seine damals neue Form der Dienstleistung ist inzwischen etabliert. Norbert Winkelmann strampelt zu Hilfe, wenn Scherben dem Reifen den Garaus machen oder wenn die Bremse blockiert.

Internetseite mit Retrocharme

Sein Werkstattfahrrad Marke Eigenbau hat zwei Räder, eine achtgängige Nabenschaltung und eine leuchtend gelbe Kiste hinter dem Sattel. Sie bietet auch eine Vorrichtung, die das zu reparierende Rad anhebt, damit er besser zupacken kann. In der gelben Kiste befinden sich Werkzeuge und Marken-Ersatzteile. „Wer also keine Lust hat, sein Fahrrad selbst zu reparieren, oder wer es schlicht nicht kann, kontaktiert mich telefonisch oder per SMS“, erklärt der gebürtige Westfale, der sich seit seiner Jugend intensiv mit Rädern beschäftigt. Vor 14 Jahren fiel der Entschluss, den Lebensunterhalt für seine Familie mit einem Rad-Reparaturservice zu verdienen. Bald hatte der ehemalige Informatikstudent seine Webseite angelegt. Sie enthält die wichtigsten Informationen und wenig Schnickschnack – der Retro-Charme dieser Internetseite ist bestechend.

Etwa 500 Kilometer bewältigt er im Monat

So hat sich Winkelmann mit einer frühen Onlinepräsenz und der Liebe zum Fahrradfahren einen Beruf gebastelt, der seinen Vorstellungen von dem, was man heute Work-Life-Balance nennt, entspricht: „Ich arbeite eigeninitiativ, treffe unterschiedlichste Leute, bin viel draußen und bleibe fit“, beschreibt er. Kein Wunder, bei etwa 500 Kilometern, der er nach eigener Einschätzung monatlich zurücklegt.
Wer leistet sich seinen Service? Norbert Winkelmann unterscheidet „Gelegenheits- und Alltagsfahrer“. Letztere sind Berufstätige, die zu ihren Arbeitsplätzen nach Mitte radeln. Übersehen sie eine Scherbe oder gibt es Probleme mit Kette oder Bremse, melden sie sich vom Arbeitsplatz. Das Rad wird repariert, während sie ihrem Job nachgehen.

Fahrradwerkstatt Marke Eigenbau: Mit seiner Knallgelben Werkzeugkiste kann Norbert Winkelmann Pannen beheben. Foto: Katja Wallrafen

Die Gelegenheitsradler haben in der Regel deutlich günstigere Fahrräder, die schneller kaputt gehen. „Aus dieser Gruppe kommen viele Kunden, die einmalig schnelle Hilfe wollen, die mich dann aber wieder vergessen“, schildert Winkelmann. Obwohl nach seiner Einschätzung deutlich mehr Radler als früher pannensichere Reifen aufziehen, ist der Reifendefekt immer noch der häufigste Grund, Hilfe herzuholen. 27 Euro kostet die Reparatur (32 Euro für Hollandräder), pauschal enthalten sind Anfahrtsgebühr, Material und Arbeitszeit. Für 26 Euro ist die kleine Inspektion zu haben, dafür checkt der Profi das Gefährt, stellt Bremsen und Schaltung ein, ölt die Kette und pumpt die Reifen anständig auf. Wer 30 Euro investiert, bekommt ein blitzblank sauberes Fahrrad – so viel wird für die zeitintensive Grundreinigung abgerechnet. Treue Kunden sind Alltagsradler oder auch Familien, die ihn buchen, um gleich vier oder fünf Räder generalüberholen zu lasen. Dafür rückt Winkelmann auch bis nach Zehlendorf oder Frohnau aus, obwohl sein Einsatzgebiet normalerweise die westliche Umweltzone innerhalb des S-Bahn-Rings ist – also die (alten) City-West-Bezirke Tiergarten, Schöneberg, Charlottenburg und Wilmersdorf.

Verstärkung erwünscht

Mittlerweile bekommt der Reparaturprofi mehr Anfragen, als er allein bewältigen kann, deshalb wünscht er sich Verstärkung. Auf seiner Website wirbt er für seine Art des Broterwerbs, um weitere selbstständig arbeitende Menschen zu motivieren. „Auch wenn man finanziell durchaus noch mehr tun könnte, um Fahrrad-Verkehrsförderung zu betreiben, bleibt doch das Bemühen erkennbar, Berlin fahrradfreundlicher zu machen“, meint Winkelmann.