Aktuelles / Donnerstag, 25.08.2016

Streit um Leuchtzeichen
für jüdisches Leben

Ein verkapptes religiöses Symbol oder Kunst im Sinne der Versöhnung? Diese Figur, einem Davidstern nicht unähnlich, soll in deutlich größeren Dimensionen mitten in der City West stehen – möglichst am Olivaer Platz. Foto: Thomas Schubert

Drei mal drei Meter misst ein angedeuteter Davidstern, der auf dem Staudendreieck am Olivaer Platz entstehen soll. Doch der Gartenpate Christian Meyer lehnt das Vorhaben ab.

Von Thomas Schubert

Es könnte zwei Menschen verkörpern, die sich gegenüberstehen. Oder einen Kerzenständer. Oder einen unvollendeten Davidstern. Jeder der doppelt gekrümmten Arme des Kunstwerks mündet in einen Sockel, wie man ihn am ehesten von Chanukka-Leuchtern kennt. Dieser Entwurf des Designers Arik Levy existiert als Tischschmuck schon seit Längerem. Jetzt aber soll er als großes Exponat im Straßenraum vom neuen Aufblühen der jüdischen Kultur in der City West künden. An jüdischen Feiertagen könnte das Objekt an beiden Armen leuchten.

Symbol des neuen jüdischen Lebens

So lautet jedenfalls die Idee der jüdischen Kantorin Avitall Gerstetter und ihres Partners Samuel Urbanik. Unter dem Arbeitstitel „Aviv & Samir“ wollen die beiden Levys Entwurf aus Bronze in einer Größe von drei mal drei Metern mitten in Charlottenburg-Wilmersdorf platzieren. Möglichst zentral. Dort, wo bis in die 20er-Jahre die meisten jüdischen Bürger Berlins zu Hause waren und durch das Wüten von Nazis verschwanden – an Kudamm und Olivaer Platz. „Genau hier blühte ein weltoffenes Judentum“, erzählt Samuel Urbanik. Gedenkorte für tote Juden gebe es genug, befindet Urbanik. Jetzt setzen er und Gerstetter Zeichen für die Lebenden.

Eine Visitenkarte für ehrenamtliches Engagement: Der Gartenarchitekt Christian Meyer verschließt sich gegen eine Aufstellung des Kunstwerks und möchte das Dreieck zwischen Ku'damm und Olivaer Platz in bekannter Form erhalten. Foto: Thomas Schubert

Eine Visitenkarte für ehrenamtliches Engagement: Der Gartenarchitekt Christian Meyer wehrt sich gene eine Aufstellung des Kunstwerks an diesder Stelle und möchte das Dreieck zwischen Kudamm und Olivaer Platz in bekannter Form erhalten. Foto: Thomas Schubert

Als Wunschstandort für das Kunstwerk gilt ein mit Stauden bewachsenes Dreieck vor der Bushaltestelle Olivaer Platz für Fahrten in Richtung Bahnhof Zoo. Ausgerechnet jener Ort, an dem seit 19 Jahren der Landschaftsplaner Christian Meyer ehrenamtlich für eine prächtige Bepflanzung sorgt und dafür aus eigener Tasche bis zu 4000 Euro im Jahr bezahlt. Meyer erfuhr erst spät von der Idee des Kunstprojekts auf diesem Grund. Man könnte auch sagen: Er wurde zu Beginn der Planungen des Bezirksamts vergessen. Daran liegt es allerdings nicht, dass Meyer dieses Vorhaben komplett ablehnt. „Ich habe einfach mit Religion nichts am Hut. So wie achtzig Prozent der Berliner“, sagt der Gartenpate. Und er sieht nicht nur den angedeuteten Davidstern mit Skepsis, sondern auch die Position im Westzipfel der Dreiecks. „Das ist einfach nicht der richtige Ort zum Innehalten. Wir haben schon beobachtet, wie dort Poller umgefahren wurden. Hier wird permanent gerast.“

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Ein Schmuckstück am Kurfürstendamm: Der Bezirk übergab das damals verkommene Beet vor 19 Jahren in ehrenamtliche Pflege. Foto: Thomas Schubert

Nun ist die Aufstellung des Kunstwerks ein Vorhaben, von dem die Öffentlichkeit eigentlich erst am 7. September erfahren sollte. Dann tagen die Bezirksverordneten von Charlottenburg-Wilmersdorf in einer Sondersitzung des Ausschüsse für Grünflächen und Kultur. Es wird darum gehen, das Kunstprojekt der Allgemeinheit vorzustellen. Und zu bestimmen, wo der Standort des Leuchters sein soll. Im Ältestenrat sei ihm aus allen Fraktion im Sinne des Projekts Konsens signalisiert worden, sagt Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD). Aber bei der Platzfrage ringt man noch um einen Kompromiss. „Es stehen zwei Standorte zur Diskussion. Das Stück am Olivaer Platz. Und das Roseneck.“

Ersatzstandort Roseneck – ein falsches Signal

An diesem Schmuckbeet in Grunewald wäre das Vorhaben ohne Widerstand durchzusetzen. Aber dies würde den Kerngedanken des Kunstwerks verfehlen. „Es geht ja gerade darum, jüdisches Leben zurück in die Mitte der Gesellschaft zu tragen“, begründet Urbanik seinen Wunsch, mit dem Leuchter im Herzen der City West zu landen. Gleichzeitig gibt er sich aber kompromissbereit und bedauert, dass ein Musterbeispiel für ehrenamtliche Arbeit in Frage stand. „Wir haben davon zunächst auch nichts gewusst“, erklärt er. „Es ist überhaupt nicht unser Ziel, jemanden zu verdrängen. Wir sind auf eine friedliche Lösung aus.“ Deshalb ging Urbanik nun mit einem Vorschlag auf den Gärtner zu. Er sieht vor, dass drei Viertel der fraglichen Fläche am Olivaer Platz weiterhin die Staudenbeete zur Schau trägt. Und auf dem westlichen Viertel stünde eben der Leuchter. Eine gemeinsame Neugestaltung des Beetes nach einem Konzept, das Meyer selbst beisteuern könnte, das wäre aus Urbaniks Sicht die perfekte Lösung. Doch Meyer lehnt ab.

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Stauden oder angedeuteter Davidstern? Eine Kompromisslösung am Wunschstandort ist derzeit noch nicht in Sicht. Foto: Thomas Schubert

„Hier steckt ein System drin“ sagt der Landschaftsplaner mit Blick auf seine Blumen und das Wichtigste an diesem Gartenkunstwerk überhaupt – den Rasen. Ihn pflegt Meyer seit etwa sieben Jahren ebenfalls im Namen des Bezirks, während es vorher nur die blühenden Streifen waren. Im Gegenzug dafür, dass er anstelle des Grünflächenamts die komplette Pflege leistet, darf der Gärtner hier für sich werben. Und tatsächlich melden sich bei ihm ständig Interessenten, die ihr privates Paradies so tadellos aussehen lassen möchten wie das Staudenbeet am Kurfürstendamm. Selbst die BBC hat schon über ihn berichtet.

Der Wille des Gartenpaten zählt

Meyer spricht stellvertretend für eine ganze Gruppe von ehrenamtlichen Helfern und Studenten, die sich durch die Gartenarbeit Geld dazu verdienen. Im Übrigen muss dieses Team hier besonders oft gießen. Denn unter der Blumenerde befindet sich noch der Schutt eines im Krieg zerstörten Hauses. Er zieht das Wasser hinab wie ein Schwamm. Soll dieses Engagement nun nach fast 20 Jahren missachtet werden? Im Grunde will das keiner der Beteiligten. Und bei einem Ortstermin mit dem Bezirksamt bekam Meyer bereits signalisiert: Gegen seinen Willen verändert sich hier nichts. Läuft es bei der Standortfrage für das Kunstwerk also doch aufs Roseneck hinaus, obwohl die Künstlergruppe das ungern will?

An Renommee mangelt es Gerstetter, Urbanik und ihrer „Avitall Collection“, in der Kunstwerke im Sinne der lebendigen jüdischen Lebensart zu Geltung kommen sollen, jedenfalls nicht. Avitall Gerstetter, Kantorin in der Synagoge Oranienburger Straße, pflegt Kontakte zu Bundespräsident Joachim Gauck und gestaltete zusammen mit dem Auswärtigen Amt einen Comic. Er zeigt das Leben von Menschen, wie es wäre, wenn es keinen Holocaust gegeben hätte. Gerstetter selbst verlor Familienangehörige durch die nationalsozialistische Barbarei. Nun gestaltet sie Projekte der Versöhnung.

Begegnungsort braucht Citylage

Dass der Leuchter einen Davidstern andeutet, bestreitet ihr Partner Samuel Urbanik keineswegs. Aber er sieht ihn „als Zeichen einer Wertegemeinschaft“ und nicht als hoch religiöses Symbol wie das christliche Kreuz. „Wir wünschen uns einfach einen Begegnungsort in der Mitte der Gesellschaft“, bringt der Projektgestalter das Vorhaben auf den Punkt. Einem anderen Standort im Inneren der City will er sich nicht verschließen.

Und wenn die große Bronzefigur tatsächlich Einzug hält, wird eine Kostenlücke von über 180.000 Euro zu schließen sein. Deshalb können Kunstfreunde bei Gefallen eine Miniatur des Objekts in einem Online-Shop erwerben, derzeit befindet sich die Seite noch im Aufbau. Kommende Woche erwartet man den Designer Arik Levy zur Ortsbesichtigung – auch er kein unbeschriebenes Blatt. Seine Skulpturen finden über alle Grenzen hinweg Anerkennung und stehen zum Beispiel auf dem Gelände der Weltausstellung in Brüssel.

Lob vom World Jewish Congress

Angesichts einer solchen Bedeutung wünscht sich auch Bürgermeister Naumann eine friedliche Einigung und wirbt bei allen Parteien für den „Brückenschlag von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“ Das Kunstprojekt wäre „ein großer Gewinn für Berlin.“ Auch Maram Stern vom World Jewish Congress wertet das Vorhaben als „hervorragende Idee.“ „Der Weltkongress begrüßt dieses Projekt. Es macht für alle sichtbar, dass jüdisches Leben wieder einen sehr hohen Stellenwert in Deutschland und seiner Hauptstadt hat“, schreibt der gebürtige Berliner in einem Brief. Nun liegt es an den Bezirkspolitikern, zu entscheiden, wie hoch dieser Stellenwert tatsächlich ist.

 

 

Kommentare

  1. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich an diesem Staudenbeet vorbeikomme und wusste gar nicht, dass das aufgrund Privatinitiative hin bepflanzt und gepflegt wird.

    Die Idee dieses kuenstlerisch sicherlich nicht bei allen Anklang findenden „Kunstwerks“ genau auf dem Dreieck zu platzieren, ist doch total daneben!
    Warum nicht beim Stelenfeld des Holocaust-Denkmals aufstellen oder vor der Synagoge in der Oranienburger Strasse? DA machte es wirklich Sinn!
    Passend faende ich auch einen Standort in Berlin, wo ein hoher Anteil an Antisemiten zu vermuten ist wie z. Bsp in Neukoelln oder Kreuzberg…quasi als Warnung…oder traut man sich das nicht in Berlin?

  2. „Aber er sieht ihn „als Zeichen einer Wertegemeinschaft“ und nicht als hoch religiöses Symbol wie das christliche Kreuz.“

    …als sei das christliche Kreuz Ausdruck eines Spleens von Sektierern. Etwas mehr intellektuelle Substanz und Empathie hätte ich bei den Protagonisten des Leuchters schon erwartet. Solche Abgrenzungen lösen die Wertegemeinschaft eher auf.

  3. Kunstwerke im öffentlichen Raum mit einer weltanschaulichen Botschaft finde ich sehr problematisch. Der Ku’damm und seine Gestaltung sollte in so einer heiklen Frage nicht allein dem Bezirk überlassen werden, das geht alle Berliner an.

    Ein Objekt mit einer so großen Präsenz sollte auch unter künstlerischen Kriterien nicht allein den manchmal recht zufälligen Entscheidungen eines Bezirksparlaments überlassen werden.

  4. Die fantastisch bepflanzte und gepflegte Grünfläche am Olivaer Platz soll um ein Viertel verkleinert werden? Das ist ganz sicher ein falsches Signal. Wir brauchen mehr, nicht weniger Grün in der Stadt.

  5. Der Stern inmitten der Blumen wäre ein Symbol dafür, dass jüdisches Leben in Berlin wieder aufleuchten und blühen darf.

  6. Eigenartig, wie hier sofort ein positives Signal und Erinnerung an Menschen, die dieser Stadt enorm viel gegeben haben, auf ein religiöses Symbol einer wenig geliebten Volksgruppe reduziert wird. Überall auf der Welt wird eine Skulptur inmitten eines Grüngebietes als Wertsteigerung, als Kulturgut, als Aufwertung verstanden, aber wenn es in Deutschland was jüdisches symbolisiert ist auf einmal alles andere wichtiger….

  7. Welche Wirkung wird es haben, wenn Politiker entscheiden, eine derartige große Skulptur auf ein bald 20 Jahre mit viel Herzblut geschaffenes und gepflegtes Stück Gartenkunst zu stellen? Eine Warnwirkung an alle ehrenamtlich Tätigen, sich bloss nicht zu sehr einzusetzen? Außerdem: Kein Künstler kann es in Ordnung finden, daß zugunsten seines Werkes an dem des Anderen etwas abgeschnitten oder eingegrenzt wird. Das widerspricht dem Selbstverständnis aller Kreativen und können nur Bürokraten zulassen.

  8. Das Staudenbeet ist ein sehr gelungenes Beispiel für urbane Grünanlagen, und es ist gut, dass das private Engagement, das dahinter steht, hier einmal gewürdigt wird.
    Aber mal abgesehen davon, dass eine Zerstückelung der ohnehin kleinen Fläche den Gesamteindruck zerstören würde: Die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten, ist unsere selbstverständliche Pflicht, ebenso wie das Bemühen, das friedliche Miteinander von Menschen aller Ethnien, Religionen und Kulturen zu ermöglichen. Aber eine Stätte der Begegnung, die durch das Symbol einer einzigen Kultur/Religion/Ethnie/“Wertegemeinschaft“ symbolisiert wird? Das will mir nicht einleuchten. Kommt hinzu, dass Assoziationen zu Israel und seiner höchst umstrittenen Politik immer mitschwingen. Ein Statement hierzu im öffentlichen Raum ist unangebracht und heftige Gegenreaktionen würden nicht lange auf sich warten lassen – vermutlich sehr zum Nachteil der schönen Grünanlage.

  9. Pingback: Neuer Standort für den Avitall-Leuchter in Sicht

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