Aktuelles / Mittwoch, 28.06.2017

Das unglückliche Fabelwesen in Wilmersdorf

Der Gorgo-Brunnen steht seit 1987 am Henriettenplatz in Wilmersdorf. Foto: Sofia Mareschow

Den ganzen Sommer über weint er, der Gorgo-Brunnen in Halensee. Seit 1987 steht das Ensemble dort, am Ende des Kurfürstendamms. Ein stummer Kontrapunkt zum lebendigen Treiben ringsum.

Von Sofia Mareschow

Den ganzen Sommer über weint sie, die bronzene Gorgo in Halensee. Jahr für Jahr. Erst wenn die Brunnensaison endet, versiegen die glitzernden Rinnsale, die über das  Gesicht des riesigen, Medusenhaupt genannten Brunnenmonsters mit den traurigen Augen rinnen. Ob das unglückliche Fabelwesen aus der griechischen Mythologie im Winter  wieder in einen eisernen Käfig gesperrt wird? Nicht um es zu bändigen, eher um Vandalen fernzuhalten.

Lange Eckzähne und Schlangenhaare

Die hätten sich wohl nie an das Original herangetraut: Sein bloßer Anblick soll Menschen in Stein verwandelt haben. Ihre furchterregende Erscheinung hatte die Medusa, einzige sterbliche Gorgone und Tochter antiker griechischer Meeresgottheiten, dem Zorn der Pallas Athene zu verdanken. Letztere erwischte die einstige Schönheit beim Techtelmechtel mit dem Meeresgott Poseidon und verwandelte sie in ein geflügeltes, schuppenhäutiges Scheusal mit langen Eckzähnen, Schlangenhaaren und ständig heraushängender Zunge. Als es dem Zeus-Sohn Perseus schließlich gelang, das Ungeheuer zu enthaupten, entsprang diesem das geflügelte Pferd Pegasus.

Ein kleines Pferd in der Felsenlandschaft

Die Schöpfer der Riesenskulptur, die französischen Künstler Anne und Patrick Poirier, hatten das Gorgonen-Thema schon seit 1979 mehrfach im Kontext verschiedener Installationen umgesetzt und ausgestellt, darunter im italienischen Ferrara. Für ihr Berliner Bildhauer-Werk setzten sie mehrere Elemente der Sage künstlerisch um. Vom Kopf der Medusa ragen nur Augenpartie und Stirn – mit goldenen Flügeln und Schlangenhaaren –  aus dem quadratischen Becken. Auf der Rückseite steht in einer Felsenlandschaft das golden geflügelte kleine Pferd ein wenig verloren im flachen Wasser. Seit der Neugestaltung des Henriettenplatzes im Rahmen eines städtebaulichen Wettbewerbs anlässlich des 750-jährigen Jubiläums der Hauptstadt im Jahr 1987 bewacht das skulpturale Ensemble das Areal am oberen Ende des Kurfürstendamms. Ein stummer, tonnenschwerer Kontrapunkt zum geschäftigen Treiben ringsum.