Aktuelles / Montag, 04.09.2017

Macht und Pracht am
Rüdesheimer Platz

Von den Fassaden der Häuser rund um den Rüdesheimer Platz ist im Sommer wegen der Bäume kaum etwas zu sehen. Foto: Jörg Krauthöfer

Das Quartier in Wilmersdorf entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Schon damals war der Wohnraum knapp, aber schon damals waren die Investoren kreativ.

Von Carolin Brühl

Kurt Schustehrus (1856–1913) war nicht glücklich über die Pläne Georg Haberlands (1861-1933). Der Oberbürgermeister Charlottenburgs fürchtete eine massive Abwanderung seiner gut betuchten Steuerzahler in die neuen Viertel, die im Südwesten rund um den Rüdesheimer Platz in Wilmersdorf entstehen sollten. „Vor allem der Bau einer U-Bahn nach Wilmersdorf war Schustehrus ein Dorn im Auge“, sagt Frank Janotta-Simons vom Verein Rüdi-Net, der sich mit der Geschichte des Quartiers und den Intrigen um seine Erschließung beschäftigt hat und gemeinsam mit seiner Kollegin Inge Hildebrandt unter dem diesjährigen Motto „Macht und Pracht“ des „Tags des offenen Denkmals“ eine Führung dazu anbietet.
Das ehrgeizige Vorhaben vor den Toren Berlins ist nur eines von vielen Projekten, die in der Gründerzeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert rund um Berlin entstehen, um der steigenden Bewohnerzahlen der neuen Hauptstadt gerecht zu werden.

Wilmersdorf wächst von 73.000 auf 123.000 Einwohner

So wächst beispielsweise die Einwohnerzahl Wilmersdorfs innerhalb von nur fünf Jahren von 73.000 auf 123.000 im Jahre 1910. Die damals noch selbstständigen Kommunen Charlottenburg, Schöneberg, Wilmersdorf und Friede­nau wetteifern um den Zuzug vermögender Bürger. Charlottenburg ist um 1900 die reichste Stadt Preußens. Janotta-Simons zufolge läuft der Wettbewerb unter anderem über geringe direkte Steuern, was dazu führt, dass den Kommunen die Mittel fehlen, Gemeindegelände aus eigenen Mitteln zu erschließen und die Parzellen an Bauherren zu verkaufen. Dies überlassen sie den Terraingesellschaften, privaten Aktiengesellschaften mit engen Verbindungen zu den großen Privatbanken.

Haberland auch Mitglied der Wilmersdorfer Gemeindevertretung

Georg Haberland ist geschäftsführender Vorstand in der 1890 gegründeten Berlinischen Boden-Gesellschaft. Gemeinsam mit der Terrain-Gesellschaft Berlin-Südwest betreibt er den Ausbau des Rheingauviertels um den Rüdesheimer Platz. Hilfreich für Haberlands Pläne mag sein, dass er auch Mitglied der Wilmersdorfer Gemeindevertretung ist.

Vorgärten  waren ein Element der Architektur, die an englische Landhaus-Architektur anknüpfen sollte. Die Höfe im Innern sollten aber viel dichter bebaut werden. Der Erste Weltkrieg verhinderte das. Foto: Jörg Krauthöfer

Der Platz wird um 1905 im Stil englischer Landhaus-Architektur konzipiert. Um einen einheitlichen und trotzdem individuellen Charakter der umgebenden Bebauung zu erhalten, verpflichtet Haberland für die Fassaden einen einzigen Architekten, Paul Jatzow. Das Quartier gilt zwar heute als vorbildliche Frühform aufgelockerter Bauweise im Grünen. Inge Hildebrand zufolge hat sich Haberland aber eine weitaus dichtere Bebauung genehmigen lassen. Diesen Plänen sei jedoch der Erste Weltkrieg dazwischengekommen.

Dank U-Bahn gut an die City angebunden

Dass das Rheingauviertel mittels der fast 100 Jahre alten Dahlembahn, der heutigen U3 so gut an die Innenstadt angebunden ist, verdankt es indes auch Haberland. Spannend wie ein Krimi sei sein Ränkespiel in seinen Lebenserinnerungen nachzulesen, sagt Janotta-Simons. Entgegen kommt dem Investor, dass Preußen eine Aufteilung seiner Domäne Dahlem beschließt und dort neben einer Villenkolonie auch einen Standort für naturwissenschaftliche Institute plant. Für eine höhere Rendite soll eine bequeme Verkehrsanbindung nach Berlin sorgen.
Nach Abwägung anderer Möglichkeiten setzt Haberland auf ein Abkommen Wilmersdorfs mit der Berliner Hochbahngesellschaft (BHG) zum Bau eines Abzweigs vom Wittenberg- zum Fehrbelliner Platz. Die Kommune Wilmersdorf beschließt am 25. November 1908 die Verlängerung der Wilmersdorfer Bahn bis zur Grenze nach Dahlem, nachdem Preußen fünf Millionen Reichsmark Zuschuss dafür zugesagt hat. Von dort aus soll im Auftrag und auf Kosten der Domäne Dahlem weiter bis zum Thielplatz gebaut werden.

Charlottenburg stemmt sich gegen den U-Bahn-Plan

Doch Schustehrus stemmt sich gegen diesen Plan. Er will eine U-Bahnlinie unter dem Kurfürstendamm. Da die geplante U-Bahn nach Dahlem unter der Nürnberger Straße ein kleines Stück durch Charlottenburger Gebiet verlaufen würde, versagt er dafür seine Genehmigung und fordert, dass ein Anschluss nach Dahlem an die von ihm gewünschte Kurfürstendammlinie über Halensee anknüpft.
Haberland zapft seine Kontakte zum preußischen Minister für öffentlichen Arbeiten, Paul von Breitenbach, an. Doch der unterhält auch gute Beziehungen zu Charlottenburg und will Schustehrus Widerstand nicht mit Kabinettsorder aushebeln. Haberland nimmt dann den bereits früher von der Großen Berliner Straßenbahngesellschaft (GBS) gefassten und kontrovers diskutierten Plan einer Untertunnelung der Leipziger Straße auf und lässt den Plan einer Unterpflasterbahn von Friedenau (heute Walter-Schreiber-Platz) über Schöneberg ins Zentrum ausarbeiten.

Rastätter Platz wird in Breitenbachplatz umbenannt

Dieses Projekt widerspricht jedoch Breitenbachs eigenen Plänen zur Weiterentwicklung des U-Bahn-Netzes, und er erteilt nun doch innerhalb weniger Tage die Genehmigung für den von Wilmersdorf gewünschten Abzweig der Dahlembahn vom Wittenbergplatz aus. Geholfen haben mag auch, dass der ursprüngliche Rastätter Platz einschließlich der neuen U-Bahnstation an der Bezirksgrenze noch vor Eröffnung der Strecke nach dem Minister in Breitenbachplatz umbenannt wird.

Hier wacht Siegfried: Die Rüdesheimer Straße in Wilmersdorf gehört zu den zwölf schönsten Straßen Europas – jedenfalls für die „New York Times“. Foto: Carolin Brühl

Information

Eine Führung mit mehr Details zur Geschichte des gründerzeitlichen Projekts bieten Inge Hildebrandt und Frank Janotta Simons zum „Tag des offenen Denkmals,  9. September, 16 Uhr an. Treffpunkt ist der nördliche Zugang des U-Bahnhofs am Rüdesheimer Platz.

 

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