Aktuelles / Montag, 13.03.2017

Das Hoeck tischt ab
18. März wieder neu auf

Alles beim Alten – aber unter einem neuem Wirt: Marko Tobjinski will vergessen machen, dass die Zapfhähne am 1892er Tresen im Januar fast versiegt wären. Foto: Thomas Schubert

Im Januar schien das „Wilhelm Hoeck“ nach 125 Jahren zu sterben. Dann fand sich ein neuer Pächter, der die Idee der urigen Kneipe weiterspinnt. Am 18. März startet er ein etwas anderes Alt-Berliner Restaurant.

Von Thomas Schubert

Die antike Uhr verkündet helllichten Nachmittag, aber die erste Gäste sitzen bereits bei ihrem Feierabendbier, essen dazu Knackwurst mit Brot, stecken die Köpfe zusammen zum lässigen Tratsch. Alles scheint beim Alten zu sein, hier bei „Wilhelm Hoeck 1892.“ Für Stammgäste ist das eine wundersame, nicht für möglich gehaltene Nachricht. Denn als die wohl älteste Kneipe Charlottenburgs im Januar wegen Mietstreitigkeiten der alten Wirtin mit dem Hauseigentümer schloss, schien Schluss zu sein mit Schmalzbrot, Molle und Korn. Da schien das Lokal in der Wilmersdorfer Straße 149, das Kaiser und Kriege überdauerte, an diesem Streit zu sterben.

Auch von außen unverbesserlich alt: Das „Wilhelm Hoeck“ in der Wilmersdorfer Straße 149. Foto: Thomas Schubert

Doch es fügte sich, dass ein gewisser Marko Tobjinski kam und eine Frage hörte: Willst du die Kneipe haben? Er wollte – und zwar, obwohl der Betreiber der Cocktailbar „Carlitos“ als zweites Standbein etwas anderes gesucht hatte: einen Biergarten. Nun hatte das Schicksal mit dem 47-jährigen Wilmersdorfer etwas anderes vor.
Seit Anfang Februar verwaltet Tobjinski Zapfhahn und Zahlungsverkehr im traditionsreichen „Wilhelm Hoeck.“ Der nahtlose Übergang war das Beste, was den Stammbesuchern passieren konnte. „Sie standen mit den Tränen der Erleichterung vor unserer Tür“, berichtet der neue Wirt.

Man trinke und staune: Das „Wilhelm Hoeck“ speicherte mehr Geschichte als manches Museum. Foto: Thomas Schubert

Das Rezept zur Rettung des Hauses hieß bisher: Nichts verändern. Und das so konsequent wie möglich. An die 125 Jahre alte Inneneinrichtung Hand anzulegen oder auch nur den ominösen Fleck von der Decke zu wischen, wäre ein Sa­krileg. Man sagt, hier habe sich Rudi Dutschke mit einem Teebeutelwurf verewigt.

Als Dekoration ein Muss: Die Spirituosenflaschen im Schrank überdauerten Kaiser und Kriege. Foto: Thomas Schubert

Eineinhalb Monate nach der Neueröffnung unter Tobjinskis Regie bahnt sich jetzt aber doch eine kleine Revolution an. Das hauseigene Restaurant, in dem Handwerker heimlich arbeiten, steht kurz vor der Premiere. Ab Sonnabend, 18. März, tischt „Wilhelm Hoeck“ deftig auf.

Das Restaurant wird im Alt-Berliner Stil wiedereröffnet

„Es wird ein kleines Reopening geben“, verspricht der Wirt einen Neustart kulinarischer und optischer Natur. Die bayerische Dekoration ließ er wegnehmen. Einzug hält ein dezenter Alt-Berliner Stil mit nostalgischen Wandmalereien, gestaltet vom Bühnenmaler Grant Kostanyan. Bei genauerer Betrachtung erkennt man im Sammelsurium der Figuren Heinrich Zille – auch er war einst Gast im „Wilhelm Hoeck.“ Während es im Kneipenraum bei Snacks zum zünftigen Biergenuss bleiben soll, darf man nebenan dann ausgewachsene Tellergerichte erwarten. Eisbein, Kasseler, Sauerkraut, Klopse. Auch ein Mittagstisch mit wechselndem Programm soll Anrainer der Wilmersdorfer Straße in die neue, auf alt gemachte Stube locken. „Eine exakte Kopie der Kneipe ging nicht. Die ist ja lange gewachsen“, sagt Tobjinski. Im Restaurant lässt sich das „Wilhelm Hoeck“ noch am ehesten auf die Moderne ein. GastwirtTobjinski will dort dann auch den Zeitgeist mit Tapas auf Berliner Art bedienen.

Was wäre ein Alt-Berliner Kneipe ohne Alt-Berliner Küche? Das Restaurant des „Wilhelm Hoeck“ zeigt am 18. März ein neues Gesicht und kulinarische Ideen. Bauarbeiter erledigen derzeit die letzten Schritten. Foto: Thomas Schubert

Kleine Happen statt praller Schüsseln

Kleine Happen auf vielen Tellern sind eine Alternative zu prall gefüllten Schüsseln. „Gerade Touristen möchten keine urige Portion, sondern lieber durchtauschen und bei einem Besuch von jedem ein bisschen probieren“, meint Tobjinski. Minikohlrouladen und monströse Schweinskeulen schließen sich auf „Hoecks“ Speisekarte nicht aus.

Kommunikatives Naturell

Zielgruppe sind nicht nur jene, die nebenan Bier trinken. Und bereits hier ist das Milieu für Kneipenverhältnisse breit gefächert. Vom Architekten bis zur Hausfrau und Rentnerin erhebt hier jeder sein Glas. „Es ist auch für Jüngere wieder modern, in etwas Altes zu gehen“, beschreibt der Wirt die Stimmung. „Aber unsere älteste Besucherin ist 83. Die bestellt immer ein kleines Kindl und ein Korn dazu. Dann ist alles lustig“, freut sich der Barkeeper, der seine Berufung am Tresen auf Umwegen fand. Vom Sozialversicherungsfachangestellten bis zum Kraftfahrer und Versicherungsverkäufer hat Tobjinski alles gemacht. Als eine Freundin, die eine Kneipe betrieb, krank wurde, sprang er ein. Und blieb im Job – wohl auch wegen seinem kommunikativen Naturell.
Da passt es, dass im „Wilhelm Hoeck“ das Tratschen stets an der Tagesordnung blieb. „Die Altbau-Mauern sind so dick, da kommt kein Internet rein. Man muss die Smartphones weglegen und kann sich hier noch richtig unterhalten“, schwört Tobjinski auf Nostalgie. Das Mundwerk gebraucht man bei „Wilhelm Hoeck“ eben nicht nur zum speisen und trinken.

 

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