Aktuelles / Samstag, 05.08.2017

CityTrees: Da ist
was los mit Moos

Auf dem Euref-Campus sitzt das Startup Green City Solutions, das die CityTrees produziert. Foto: Anja Meyer

Dichte Wohnbebauung, viel Verkehr, wenig Grünflächen: Die Luft in der City West ist dick. CityTrees sollen Abhilfe schaffen – die Bezirke sind interessiert.

Von Anja Meyer

Sie sehen aus wie eine begrünte Werbetafel und sollen nach Angaben ihrer Erfinder eine immense Verbesserung der Luft in ihrer Umgebung bewirken: Die „CityTrees“. Das sind drei mal vier Meter hohe, mit Mooskulturen bepflanzte Betonquader, die mithilfe einer modernen Technologie so viel Feinstaub, Stickoxide und CO2 filtern, wie 275 Straßenbäume. Vier junge Gründer im Alter von 25 bis 32 Jahre entwickeln und produzieren die „CityTrees“ mit ihrem Startup „Green City Solutions“ auf dem Schöneberger Euref-Campus, auf dem Forschungs- und Lehreinrichtungen, Unternehmen und Institutionen sich mit der Stadt von morgen beschäftigen. Mehr als die Hälfte aller Berliner Bezirke hat nach Angaben der Gründer bereits Interesse bekundet, CityTrees aufstellen zu wollen – darunter auch Charlottenburg-Wilmersdorf und Schöneberg.

Stark belastete Straßen in der City West

„In Schöneberg gibt es einige Hotspot-Bereiche, die hochverschmutzt sind“, sagt Gründer Dénes Honus. „CityTrees an diesen Hotspots könnten die Luftqualität um rund 30 Prozent verbessert.“ Der Bezirk ist an weiten Stellen baumarm, erst vor wenigen Wochen wurden die Hauptstraße und die Potsdamer Straße laut RUBIS-Messnetz (Ruß-, Benzol-, Immisions-Sammler) als die Straßen benannt, die zu den am stärksten mit Stickstoff belastetsten Straßen Berlins gehören. Schon der eigene Standort des Startups „Green City Solutions“ eigne sich daher sehr gut als Ort für ein Pilotprojekt. Dort sollen bald 20 CityTrees stehen. „Auf den Euref-Campus gelangen der Schmutz vom Sachsendamm und von der Hauptstraße“, sagt Honus. Dazu kommen die S-Bahnhöfe Schöneberg und Südkreuz. Dort entstehe durch den Abrieb der Bremsen beim Anhalten der S-Bahnen besonders viel Feinstaub.

Gründer Dénes Honus vor einem CityTree. Foto: Anja Meyer

CityTrees funktionieren über spezielle Mooskulturen, die Schadstoffe wie Feinstaub, Stickoxide und CO2 auf natürliche Weise erst auf der Blattoberfläche binden und dann dauerhaft in eigene Biomasse umwandeln. Da Moose jedoch viel Wasser und Schatten benötigen, überleben sie in Städten nur an wenigen Stellen von alleine. Deshalb ist in die etwa einen Meter dicken Betonquader der CityTrees ein Wassertank mit Umwälzpumpe und Zuleitungen zu den Wurzeln zum Berieseln der Moose eingebaut. Solarzellen versorgen die Anlage mit Energie. Über eine Internetverbindung kann die Luftfilter-Leistung der Moose jederzeit am Bildschirm kontrolliert und gegebenenfalls nachgebessert werden. Positive Nebeneffekte der CityTrees: Sie kühlen die Luft in ihrer Umgebung und absorbieren den Schall um etwa sieben Dezibel.

CityTrees bei Forschung in Dresden entstanden

Mit der Funktion von Moosen beschäftigten sich die vier miteinander befreundeten Gründer Dénes Honus, Peter Sänger, Zhengliang Wu und Victor Splittgerber während der Abschlussphase ihrer Studiengänge Biologie, Architektur und Städtebau, Maschinenbau und Medieninformatik an der Dresdner Universität. Anfangs war es nur ein Forschungsprojekt. Als sie merkten, wie gut die Filterleistung der Moose funktionierte, entwickelten sie den ersten Prototyp der CityTrees, den eine deutsche Krankenkasse sofort abkaufte und in Jena aufstellte. „Es hat einfach zu gut funktioniert, um wieder damit aufzuhören“, erinnert sich Honus. Da eröffnete sich einerseits die Möglichkeit, ihre Forschung zu kommerzialisieren, andererseits waren die vier ohnehin schon immer an umweltfreundlichen Lösungen interessiert. Im März 2014 gründeten sie ihr Startup in Dresden, seit vergangenem Herbst arbeiten sie vom Euref-Campus aus, mittlerweile zählt das Biotech-Unternehmen 32 Mitarbeiter und hat um die 50 CityTrees in 20 verschiedenen Ländern aufgestellt, darunter Berlin, Hongkong, Paris und Oslo.

Mehrfach ausgezeichnet

In den vergangenen drei Jahren waren die Gründer zu verschiedenen Konferenzen und Foren zum Thema Klimawandelanpassung und Luftverschmutzung eingeladen. Dabei gab es mehrere Preise und verschiedene Fördergelder: Unter anderem zeichnete Climate-KIC das Startup es als eines der vier besten CleanTech Startups in Europa aus. Die CityTrees wurden zu einem der „100 Ausgezeichneten Orte 2015“ und zu Bundessieger der Kategorie Umwelt prämiert. Zu den Kunden, die sich für CityTrees interessieren, zählen vor allem Unternehmen, deren Produkte oder Dienstleistungen Feinstaub absetzen, Immobilienentwickler sowie Städte selbst. Seit der Teilnahme an der Konferenz „Stadt der Zukunft“ sind vermehrt auch Kommunen am Aufstellen von CityTrees interessiert.

Anträge liegen zum Beschluss vor

In Tempelhof-Schöneberg wurde der Antrag für eine Aufstellung von CityTrees im Rahmen eines Pilotprojektes von der CDU-Fraktion und von der FDP-Fraktion eingebracht. Vergangene Woche wurde er im Ausschuss für Straßen, Verkehr, Grün und Umwelt einstimmig verabschiedet. „Wir haben den Antrag eingebracht, weil der Bezirk Tempelhof-Schöneberg zu hohe Feinstaubwerte hat“, erklärt CDU-Bezirksverordneter Ralf Olschewski. „Wir wollen die Effektivität der innovativen Technik von CityTrees testen.“ Als mögliche Standorte könnte er sich unter anderem den John-F.-Kennedy-Platz, den Bayerischen Platz oder Freiflächen an der Yorckstraße, dem Mittelstreifen der Lietzenburger Straße oder an der Kreuzung an der Urania vorstellen. „Hier müsste es dann eine entsprechende Zierbepflanzung an den Außenbereichen des Moosbaumes geben – damit der CityTree auch als Stadtgrün wahrgenommen wird“, sagt Olschewski weiter.

Keine Illusionen machen

In Charlottenburg-Wilmersdorf hatten die Grünen den Antrag eingebracht, er ist vom Fachausschuss bereits verabschiedet worden und soll in der nächsten Bezirksverordnetenversammlung (BVV) am 20. September beschlossen werden. Laut Bezirksstadtrat Oliver Schruoffenegger (Grüne) sei es wichtig, die Bauherren der vielen privaten Bauvorhaben im Bezirk mit der Frage zu konfrontieren, ob sie sich CityTrees bei ihren Vorhaben vorstellen können. „Wir dürfen uns jedoch keine Illusionen über die Auswirkungen der CityTrees machen“, sagt Schruoffeneger. „Unser Hauptproblem der Stickoxide wird so nicht gelöst.“ Die CityTrees könnten seiner Meinung nach aber sehr wohl zur Verbesserung des Stadtklimas beitragen, Kühlung bringen und Feinstaub reduzieren.

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Diese Moose filtern Feinstaub, Stickoxide und CO2. Foto: Anja Meyer

Bis es soweit ist, dass CityTrees vermehrt im Berliner Stadtbild auftauchen, rechnet Gründer Peter Sänger frühestens mit dem Frühjahr 2018 – denn die Kosten sind hoch und müssen in die Haushaltsplanungen der Kommunen einfließen. Ein CItyTree kostet zwischen 25.000 und 50.000 Euro – je nach Ausstattung. „Die meisten Kommunen entscheiden sich für Zusatzausstattung wie Vandalismus- und Diebstahlschutz, Sitzbänke und W-Lan-Hotspots“, sagt Sänger. Dadurch würden für Kommunen Kosten von etwa 35.000 Euro entstehen. Die Wartung der Anlage kostet um die 3000 Euro pro Jahr. Dazu gehören die Kontrolle und gegebenenfalls das Nachpflanzen der Moosfläche sowie das Nachfüllen der Wassertanks. Pro Jahr verdunsten etwa 10.000 Liter Wasser. „Das ist immer noch günstiger als die Kosten für die Pflege von 275 Straßenbäumen“, sagt Sänger.