Aktuelles / Montag, 23.02.2015

City West hat kein Konzept für den Wohnngsbau

Die City West ist begehrt, die Mieten hoch. Doch der Bezirk hat kein Konzept für den Wohnungsbau. Foto: Alexander Uhl

Die City West ist bei Mietern begehrt, der Wohnraum knapp. Doch Baustadtrat Marc Schulte verzichtet auf eine Studie für Wohnungsneubau.

 Von Isabell Jürgens

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) erklärt den Wohnungsneubau zu einer der vordringlichsten Aufgaben dieser Legislaturperiode. Und Charlottenburg-Wilmersdorfs Baustadtrat Marc Schulte, sein Parteifreund auf Bezirksebene, hält es nicht für nötig, ein Strategiepapier für die Baupotenziale in seinem Bezirk zu erarbeiten. So zumindest kann man das Ergebnis interpretieren, das eine Parlamentarische Anfrage des CDU-Abgeordneten Stefan Evers (CDU) jetzt zu Tage gebracht hat. Evers hatte wissen wollen, welche Bezirke über aktuelle Potenzialstudien verfügen.

Das verblüffende Ergebnis dieser Abfrage: Obwohl der Senat allen zwölf Bezirken in den Jahren 2012, 2013 und 2014 finanzielle Unterstützung zur Erarbeitung eines bezirklichen Entwicklungskonzepts Wohnen angeboten hatte, haben die Bezirke Charlottenburg-Wilmersdorf, Pankow, Steglitz-Zehlendorf und Tempelhof-Schöneberg auf die Inanspruchnahme dieses Angebots verzichtet. Das geht aus der Beantwortung der Anfrage durch den für den Wohnungsbau zuständigen Staatssekretär Engelbert Lütke Daldrup hervor.

Während Pankow jedoch darauf verweisen konnte, eine entsprechende Studie noch in diesem Frühjahr beauftragen zu wollen und Steglitz-Zehlendorf sowie Tempelhof-Schöneberg ihre Studien ohne die Unterstützung des Senats bereits erstellt haben, verzichtet Charlottenburg-Wilmersdorf ganz darauf, Areale hinsichtlich ihrer Eignung für den Wohnungsbau zu benennen und aufzulisten, in welchen Zeitrahmen eine Bebauung möglich wäre.

Dringender Handlungsbedarf in der City West

Dabei besteht im beliebten Wohnbezirk in der westlichen Innenstadt dringender Handlungsbedarf. Aktuelle Zahlen belegen, dass Wohnungen im Bezirk mittlerweile ein knappes Gut sind. Nach Angaben des Verbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU), stehen nur noch 1,1 (Charlottenburg), beziehungsweise 1,5 Prozent (Wilmersdorf) der Wohnungen frei. Die Wohnungsknappheit hat bereits dafür gesorgt, dass die Mietpreise im Bezirk deutlich über dem Berliner Durchschnitt liegen. Wer sich eine neue Wohnung in Berlin sucht, zahlt aktuell die höchsten Preise in Charlottenburg-Wilmersdorf: durchschnittlich 9,86 Euro pro Quadratmeter und Monat nettokalt.

„Der derzeitige große Nachfragedruck nach Bauflächen im Bezirk sorgt ohnehin dafür, dass private Eigentümer aktiv werden, um ihre Potenziale an Dachgeschoss-Ausbauten oder Baulücken voll auszuschöpfen“, begründet Baustadtrat Schulte, warum er auf entsprechende Analysen für verzichtbar hält. „Anders als viele Außenbezirke haben wir zudem keine Brachflächen, für die wir eine künftige Bebauung festlegen könnten“, so Schulte weiter. Damit blieben nur noch Freiflächen wie Kleingärten und Spielplätze, die der Bezirk nicht bebauen wolle. Oder Waldflächen, die ebenfalls nicht in Frage kämen. „Wir sehen deshalb keinen Bedarf für eine Analyse“, so der Baustadtrat.

Andere Bezirke kommen zu anderen Ergebnissen

Merkwürdig nur: Während in Charlottenburg-Wilmersdorf nun gar keine Listen mit Potenzialflächen existieren, die Bauherren oder auch Anwohnern darüber Auskunft geben könnten, wo der Bezirk noch Neubaumöglichkeiten sieht, kommen andere Innenstadtbezirke zu ganz anderen Ergebnissen. Mitte beispielsweise beziffert die Anzahl der möglichen Wohneinheiten, die mittel- und langfristig bebaut werden könnten, auf 17.400, Friedrichshain-Kreuzberg meldet 19.500. Bezirke, die zumindest in Teilen auch innerhalb des S-Bahnringes liegen, wie Neukölln oder Tempelhof-Schöneberg melden, inklusive Dachgeschossausbauten und Lückenschlüssen, Flächen für 13.040, beziehungsweise immerhin 3685 Wohneinheiten.

„Wir haben auch ohne solche Studien einen Überblick über die aktuell vorliegenden Bauvorhaben“, wehrt Schulte ab. Eine entsprechende Liste sei öffentlich einsehbar, da könne sich jeder informieren. Außerdem werde auf der kommenden Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses (25. Februar, 17.30 Uhr, Rathaus Charlottenburg, Otto-Suhr-Allee 100) ein Antrag der Grünen-Fraktion im Bezirk über die Erstellung einer Wohnungsbaupotenzialanalyse besprochen.

Suche nach nicht ausgelasteten Flächen

Der Bauexperte der CDU, Stefan Evers, kann die Haltung des Baustadtrats nicht nachvollziehen, „Es ist ein großer Fehler, sich nur auf die Auflistung der bestehenden Bauvorhaben zu beschränken“, sagt Evers. Zum einen sei es besonderes in einem bereits dicht bebauten Bezirk wie Charlottenburg-Wilmersdorf wichtig, aktiv auf die Suche nach Flächen zu gehen, die noch nicht richtig ausgelastet seien. Es gebe beispielsweise noch zahlreiche Flachbauten, die nach dem Krieg in den Baulücken entstanden seien, die nun nachverdichtet werden könnten. „Außerdem ist es auch im Hinblick auf die Bürgerbeteiligung unverzichtbar, dass transparent gemacht wird, wo in der Zukunft möglicherweise gebaut werden soll“, so der baupolitische Sprecher der Union. Auch in Charlottenburg-Wilmersdorf gebe es schließlich Konflikte um mehrere größere Bauvorhaben, die ins Stocken geraten sind.

 So ist die Bebauung von Kleingärten mit 800 Wohnungen in der Kolonie Oeynhausen gestoppt. Ein Bürgerentscheid hatte das Vorhaben der Groth-Gruppe auf dem Areal verhindert. Der Streit um mögliche Entschädigungszahlungen an den Investor ist noch nicht entschieden. Ein paar Hundert Meter weiter kämpfen Anwohner gegen die Bebauung einer Wiese am Franz-Cornelsen-Weg, zwischen Dillenburger und Wiesbadener Straße. Dort will das Unternehmen Becker &Kries rund 70 Wohnungen errichten. „Da wäre es schon hilfreich, wenn man den Menschen vor Ort sagen kann, warum hier gebaut werden soll.“