Aktuelles / Montag, 05.10.2015

Bunte Betonpoller, Tempo 20, keine Parkplätze

Staatssekretär Christian Gaebler (SPD) hebt die Sperrung in der zur „Berliner Begegnungszone“ umgebauten Maaßenstraße auf Foto: Amin Akhtar

Ab sofort teilen sich Fußgänger, Rad- und Autofahrer die Maaßenstraße gleichberechtigt. Weitere Straßen sollen folgen.

Von Isabell Jürgens

Die erste sogenannte Begegnungszone Berlins, die Maaßenstraße in Schöneberg, ist am Montag für den Verkehr freigegeben worden. Nachdem der Abschnitt zwischen Nollendorfplatz und Winterfeldtplatz im Mai für den Straßenverkehr umgebaut wurde, sollen sich nun Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer gleichberechtigt den öffentlichen Straßenraum teilen. Doch nicht alle sind zufrieden mit der insgesamt 800.000 Euro teuren Umgestaltung.

„Mit der Fertigstellung dieser ersten Begegnungszone ist ein wichtiger Schritt zur weiteren Stärkung des Fußverkehrs in unserer Stadt vollzogen“, sagte Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler (SPD) bei der Übergabezeremonie. Er sei sicher, dass mit den umgesetzten Gestaltungselementen die gegenseitige Rücksichtnahme in dem belebten und vom Fußverkehr geprägten Straßenzug zwischen Nollendorf- und Winterfeldtplatz erhöht werde. Gaebler betonte, dass es sich bei dem Umbau um ein Modellprojekt handele, dass nun ein bis zwei Jahre wissenschaftlich begleitet und ausgewertet werden soll. „Wir haben die Umbaumaßnahmen so gehalten, dass eventuelle Nachbesserungen ohne großen finanziellen Mehraufwand möglich sind“, so Gaebler weiter.

Ab sofort gilt Tempo 20 auf der Maaßenstraße

Konkret wurden in dem rund 200 Meter langen Straßenabschnitt, der von zahlreichen Cafés, Bars und Restaurants gesäumt ist, die zuvor beidseitigen Parkplatzzonen aufgelöst und Radwege auf den schmalen Fußwegen zurückgebaut. Auf dem so gewonnen Raum wurde die Begegnungszone eingerichtet. Neben 50 Fahrradbügeln wurden bunt bemalte Betonpoller, umgebaute Mittelinseln, Bänke und befahrbare Pflasterflächen angelegt. Die Maßnahmen sollen auch die Aufenthaltsqualität steigern. Zudem gibt es ein mit Kunststoffnoppen im Boden versehenes Orientierungssystem, dass insbesondere Menschen mit Sehbehinderungen helfen soll.

Informationsstelen und neue grün hinterlegte Verkehrsschilder weisen alle Verkehrsteilnehmer darauf hin, dass es sich bei diesem Straßenabschnitt um eine „Berliner Begegnungszone“ handelt – mit der Höchstgeschwindigkeit von Tempo 20. Zu der Eröffnung der ersten Berliner Begegnungszone waren am Vormittag auch Anwohner, Gastronomen sowie Vertreter des Allgemeinen Blinden- und Sehvereins (ABSV) gekommen. Zwar sei das Blindenleitsystem auch mit Beteiligung des Vereins erstellt worden. „Allerdings fragen wir uns, wie blinde Menschen sicher über die Straße gelangen sollen, wenn Ampeln und Zebrastreifen fehlen“, so Manfred Scharbach, Geschäftsführer des ABSV. „Die Verkehrszone wurde bewusst so gestaltet, dass Autofahrer aufmerksam werden“, versuchte Gaebler diese Bedenken zu zerstreuen.

Der Blick von oben auf die neue Begegnungszone Foto: Amin Akhtar

Der Blick von oben auf die neue Begegnungszone Foto: Amin Akhtar

Auch Amir Taremizad sieht die Umgestaltung der Maaßenstraße mit gemischten Gefühlen. „Wie soll ich denn jetzt meinen Laden beliefern, es gibt ja gar keine Ladezone“, sorgt sich der Gastronom vom „Maxway Coffee“. Auch die Auskunft, er dürfe einfach während des Be- und Entladens auf der verbliebenen Autofahrerspur halten, überzeugt ihn nicht. „Ich befürchte, dass die von mir ausgebremsten Autofahrer hupen werden“, so der Wirt. Und wenn dann noch auf der Gegenfahrbahn die Müllabfuhr halte, käme gleich auch der Verkehr in Gegenrichtung zum Erliegen. Horst Kirschbaum, Anwohner aus der Winterfeldtstraße, in die die Maaßenstraße mündet, ist auch skeptisch. „Ich befürchte, dass die Autofahrer, nachdem sie die Begegnungszone hinter sich gelassen haben, bei uns dann richtig Gas geben, um den Zeitverlust wieder aufzuholen.“

So sehen die neuen Verkehrsschilder aus Foto: Amin Akhtar

So sehen die neuen Schilder aus Foto: Amin Akhtar

Gaebler betonte, dass genau geschaut werde, wie sich der Verkehr im umliegenden Nollendorfkiez entwickle. Schließlich werde das Pilotprojekt Maaßenstraße als Vorbild für zwei weitere Begegnungszonen dienen. 2016 soll die Bergmannstraße in Kreuzberg entsprechend umgebaut werden. Das dritte Vorhaben wird am Checkpoint Charlie, an der touristisch stark frequentierten Nahtstelle zwischen Mitte und Kreuzberg entstehen. Dort soll 2016 die Bürgerbeteiligung starten.

Die Industrie- und Handelskammer Berlin betonte, die drei Projekte böten die Chance, neue Arten der Verkehrsorganisation zu erproben. „Begegnungszonen können dazu beitragen, das Nebeneinander verschiedener Verkehrsarten an rege genutzten Orten zu verbessern. Wir begrüßen, dass ein solch innovatives Konzept in Berlin nun angewendet wird“, erklärte Melanie Bähr, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der IHK.

 

Durch die Begegnungszone –  ein Selbstversuch

Michelle Buchholz macht den Test

Michelle Buchholz macht den Test

In der Maaßenstraße gibt es seit Montag die erste Berliner Begegnungszone – und ich bin gespannt, was mich als Verkehrsteilnehmerin dort erwartet. Mit meiner Vespa von der Winterfeldtstraße kommend sind die neuen grünen Verkehrsschilder unübersehbar. Dass hier Tempo 20 gilt, ist deutlich zu erkennen. Offenbar aber nicht für alle Autofahrer, die mit mindestens doppelter Geschwindigkeit durch die verengte Fahrspur fahren. Die Tafeln, auf denen die „Spielregeln für die Begegnungszone“ erklärt werden, sind leider so aufgestellt, dass nur Fußgänger sie lesen können. Das macht sich bemerkbar. Statt die Fahrgasse zu benutzen, kurven Fahrradfahrer regelwidrig auf dem Gehweg. Die Fußgänger lassen sich von dem Durch­einander wenig stören. Schließlich war das in der Maaßenstraße schon vorher so – und immerhin haben sie jetzt doppelt so viel Platz. Außerdem können sie sich überall ausruhen: So viele Bänke auf 200 Metern habe ich noch nie gesehen! Mir kommen auf der Strecke nur zwei Straßenfeger in die Quere, die mir freundlich Platz machen. Insgesamt ist mein Fazit positiv: Ich habe nur 30 Sekunden für die Fahrt gebraucht. Schneller ging es vorher auch nicht, weil Autos in zweiter Reihe zum Slalom zwangen. Und das Fahren ist entspannter, obwohl ich mich auf Fußgänger sehr konzentrieren muss. mib