Aktuelles / Samstag, 09.09.2017

Blick vom Rathausturm
über Charlottenburg

Nur für Schwindelfreie: Blick vom Turm des Charlottenburger Rathauses gen Westen über das benachbarte Schloss. Foto: Philipp Siebert

Am Tag vor dem Tag des offenen Denkmals ging es in der City West hoch hinaus. Der Charlottenburger Rathausturm lockte mit einer seltenen Aussicht.

Von Philipp Siebert

Seit 112 Jahren thront er über dem vormals Wilhelm-, heute Richard-Wagner-Platz. Nur zur vollen Stunde macht er sich mit seinem Glockenschlag kurz bemerkbar, nur um dann wieder zu verstummen. Wuchtig, vielleicht überproportional ragt er aus seinem Sockel empor. „Ein ganz schmales Gebäude mit einem überdimensionalen Turm“, beschreibt Birgit Jochens, ehemalige Leiterin des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf, das Rathaus an der Otto-Suhr-Allee. Das verfügt mit 88 Metern über den höchsten Rathausturm Berlins. Ein dunkler Koloss, der auch von Weitem gut zu sehen ist. Und hat man ihn erstmal erklommen, kann man von dort wiederum die Weite gut sehen.

Rund 90 Teilnehmer haben laut Charlottenburg-Wilmersdorfs Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) das Angebot wahrgenommen, den Turm am Freitag im Rahmen des Tags des offenen Denkmals zu besteigen. Treppe um Treppe ging es aus dem fünften Stock des Rathauses weiter nach oben. „Ich hoffe Sie sind fit, denn das sind noch fast 200 Stufen“, sagt im Vorbeigehen ein Besucher, der grade seinen Abstieg beendet hat. Beruhigend schiebt er jedoch nach, dass sich die Strapaze in jedem Fall lohne.

Häusermeer: Blick entlang der Otto-Suhr-Alle über die City West. Foto: Philipp Siebert

Und damit sollte er Recht behalten. Wer den Weg durch die zwei Zwischenebenen zur dritten in sechzig Metern Höhe geschafft hat, wird mit einer atemberaubenden Aussicht nicht nur über die City West belohnt. Unter den Turmglocken geben vier Balkone den Blick in alle Himmelsrichtungen preis. Dieser reicht im Westen über den Grunewald, den Teufelsberg und das Olympiastadion bis zu den Kraftwerken Reuter und Reuter-West. Das nur wenige Meter entfernt liegende Schloss Charlottenburg wirkt von hier oben zwar immer noch imposant, allerdings erstaunlich klein.

Nach Norden ist der Blick ein Stück weit vom Kraftwerk Charlottenburg versperrt, gen Süden reicht er weit über das Häusermeer der westliche Innenstadt, bis sich am Horizont der Steglitzer Kreisel offenbart. „Es ist erstaunlich, wie dicht bebaut das hier eigentlich ist“, sagt Monika, die direkt in der Nähe des Rathauses wohnt, aber schon mehrere Jahre nicht mehr auf dem Turm war.

In östlicher Richtung jenseits des Ernst-Reuter-Platzes offenbaren sich mit Zoofenster und Upper West die zwei jüngsten Landmarken der City West. Fast schon versteckt dahinter steht die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. In scheinbar weiter Ferne liegen jenseits des Tiergartens der Potsdamer Platz und die Mitte Berlins mit Fernsehturm, Berliner Dom und Reichstag. Das diesige Wetter lässt diesen Teil der Stadt jedoch am Horizont verschwimmen. Wind, Wolken und hin und wieder mal ein paar Tropfen sind für die Besucher bei diesem Anblick jedoch die einzigen Wermutstropfen.

Blick nach Osten: Im diesigen Wetter verschwimmt die Silhouette der Berliner Innenstadt.
Foto: Philipp Siebert

Nicht allerdings für Maria Heigl – im Gegenteil. „So konnte man sich auf das Nahe konzentrieren – auf Charlottenburg“, sagt die sichtlich begeisterte Wilmersdorferin, nachdem sie wieder vom Rathausturm herabgestiegen ist. Besonders habe ihr die Sichtachse auf den Teufelsberg gefallen. „Wenn man da mit dem Auto hinfährt, kommt man gar nicht drauf, was auf dem Weg alles liegt.“ Relativ lang habe sie auf dem Turm zugebracht und bei jedem Blick etwas Neues entdeckt. Sie sei zum ersten Mal auf dem Rathausturm gewesen, aber mit Sicherheit nicht zum letzten Mal. Schon für den nächsten Tag des offenen Denkmals ist auch ihr nächster Aufstieg geplant. „Schade, dass man nicht öfter rauf kann.“

Rathausturm als Zeichen einer selbstbewussten Stadt

Die ehemalige Leiterin des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf, Birgit Jochens, schreibt den Stadtvätern in ihrer Eigenschaft als Bauherren des Rathauses und seines Turms im Wesentlichen drei Eigenschaften zu. Zum einen zeuge der schmale Bau von einem gewissen Pragmatismus. Als drittes Rathaus der Stadt Charlottenburg wurde es ab 1899 an der Stelle errichtet, wo auch das für die Großstadt zu kleine Vorgängergebäude stand. „Hier hatte man fiskalischen Grund, den man benutzen konnte“, sagt Jochens. Die anspruchsvolle Gestaltung mit dem ausufernden, üppigen Dekor innen wie außen mache den Bau aber gleichsam relativ einzigartig.

Die Höhe des Turms zeuge letztlich vom Selbstbewusstsein Charlottenburgs, das zeitweise als reichste Stadt Deutschlands galt. Denn beim Bau habe man sich einfach über staatliche Vorgaben hinweggesetzt. „Die preußische Bauverwaltung hat die Pläne für den Turm wiederholt abgelehnt“, sagt Jochens. Dennoch habe man ihn einfach wie vorgesehen gebaut.

Historische Postkarte aus dem Jahr 1915. Erst ein Jahr später wurde der östliche Anbau nach Plänen Heinrich Seelings fertiggestellt, in dem heute der BVV-Saal und die Bibliothek untergebracht sind.

Das hat vor allem am Kaiserhof für Verstimmungen gesorgt. Nachdem das Rathaus am 20. Mai 1905 zur 200-Jahr-Feier Charlottenburgs eröffnet wurde, soll es Kaiser Wilhelm II. abgelehnt haben, auf seinem Weg zum benachbarten Schloss daran vorbei zu fahren. Immerhin überragt der Turm die Schlosskuppel fast um das Doppelte. „Das hat er jedoch irgendwann aufgegeben“, sagt Jochens. Bestiegen hat er den Turm wohl nie.

 

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