Aktuelles / Dienstag, 26.09.2017

Azubi-Knigge vermittelt
Takt und Höflichkeit

Mathilda Schnitzer, Auszubildende im Hotel Ellington, hat in dem Knigge-Kurs viel gelernt, das sie überrascht hat und das sie nun auch im Privatleben anwendet. Foto: Ellington/Eva Oertwig/Schroewig

Auszubildende werden in Knigge-Kursen auf Stolperfallen im Beruf vorbereitet: Seminare geben Tipps zum Umgang mit dem Mobiltelefon und zu sauberen Schuhen.

Von Katja Wallrafen

„Fettnäpfchen vermeiden“ oder „Spielregeln für Azubis“ – es gibt eine Vielzahl von Angeboten für junge Menschen, die ins Berufsleben starten. Ist es um das Benehmen der Auszubildenden tatsächlich so schlecht bestellt? Benötigen sie Nachhilfe in punkto  Manieren? Strömen schlecht angezogene, vom Mobiltelefon dauerabgelenkte Ichlinge in die Unternehmen und Betriebe?

Was als höflich empfunden wird, wandelt sich

„Natürlich nicht“, antwortet Dagmar Radelow, seit zehn Jahren Seminarleiterin im Auftrag des Hotel- und Gaststättenverband Berlin (Dehoga). Die 70-Jährige hat viele Ausbildungsgenerationen für „Stil und Etikette“ sensibilisiert und sagt: „Ich beobachte nicht, dass das Benehmen der Auszubildenden zu wünschen übrig lässt. Gleichwohl gibt es allerdings das Bedürfnis, sich über Fragen des Miteinanders zu informieren. Denn manche Dinge ändern sich. Was gestern noch zum guten Ton gehörte, hat sich heute bereits verändert. Die Gesellschaft entwickelt sich und was für die Elterngeneration der Azubis als höflich galt, wird heute als unhöflich wahrgenommen.“

Beispiel Niesen in der Öffentlichkeit. Niest jemand, sollte man dann „Gesundheit“ wünschen? Das ist eine Beispielfrage aus Radelows Kurs „Stil und Etikette“. Charleen Richter kennt die richtige Antwort. „Früher hat man das gemacht, heute lässt man es besser, denn es gilt als unhöflich, die Aufmerksamkeit auf das Niesen zu lenken“, erläutert die angehende Hotelfachfrau. Gleich nach der Schule, mit 16 Jahren, hat sie im „Ellington Hotel“ in der City West ihre Ausbildung begonnen, nun ist sie im dritten Jahr. Sie hat gleich am Anfang eine zweitägige Schulung erhalten. „Zuerst dachte ich, das ist nicht nötig“, erzählt sie. „Schließlich wissen wir doch, wenn wir im Hotel arbeiten, dass Höflichkeit, Freundlichkeit und Diskretion zu den Grundvoraussetzungen in dieser Branche gehören. Nachher war ich aber doch überrascht, wie viele Anregungen ich zum Umgang mit Menschen und Situationen bekommen habe.“

Das sieht auch ihre Kollegin Mathilda Schnitzer so. „Ich habe in dem Kurs viel gelernt, was ich heute noch sehr gut anwenden kann – auch im privaten Umfeld“, sagt sie. Speziell für die Tätigkeit im Service sei der Knigge-Kurs eine große Hilfe gewesen. So habe sie beispielsweise erfahren, dass Suppenteller früher niemals gekippt werden durften. Heute aber gelte ein Schrägstellen des Tellers und leises Auslöffeln aber durchaus als erlaubt.

Wann das Handy in der Tasche bleiben sollte

Nicht nur den Nieser in der Öffentlichkeit, auch das Husten und Gähnen thematisiert Dagmar Radelow in ihrem Kurs: „Nein, man niest auch nicht in die Ellenbeuge, sondern immer ins Taschentuch.“ Weitere Aspekte: Das persönliche Erscheinungsbild („selbst in der Hotelbranche wird man etwas toleranter bei Tattoos, das wäre vor zehn Jahren unvorstellbar gewesen“) und der dezente Umgang mit Smartphones. „Diese digitale Errungenschaft hat es tatsächlich geschafft, eine ganze Generation zu prägen“, sagt die Expertin für Stil und Etikette. Das allgegenwärtige Wischen über den Touchscreen, ein Handy auf dem Tisch beim Restaurantbesuch („lieber nicht“) – diese Entwicklung bespricht die Trainerin ebenso mit den jungen Leuten wie den Wert von piccobello geputzten Schuhen. „Es geht dabei nicht um Erziehung. Eher gebe ich ihnen Gelegenheit, Stolperfallen zu vermeiden oder eine noch nicht erlebte Situation durchzuspielen“, beschreibt Dagmar Radelow.

Auch am Telefon gehört die Höflichkeit zum guten Ton für die angehende Hotelkauffrau Charleen Richter. Foto: Katja Wallrafen

Nach diesem Ansatz verfährt auch die IHK Berlin, wie Meike Al-Habash bestätigt. Sie ist als Bereichsleiterin für die Ausbildungsberatung auch für den Azubi-Nachwuchs zuständig und betont, dieser sei keinesfalls nachlässiger oder unerzogener als vormalige Generationen. In der Regel seien es motivierte, aufgeweckten junge Leute, die ihre Ausbildung starten. Und dennoch erhalten auch sie im IHK-Kurs „Fit für die Berufsausbildung“ unter anderem mit Tipps für den höflichen Umgang mit Vorgesetzten und Kollegen. „Ein Unternehmen profitiert davon, wenn Azubis bereits von der ersten Stunde an ihre sozialen Fähigkeiten erkennen, trainieren und erweitern“, sagt Meike Al-Habash. „Werden Defizite erkannt, können sie ausgeglichen werden.“ Viele Unternehmen sind offener und flexibler geworden im Bemühen darum, Auszubildende zu finden. „Die Unternehmen kommen in die Rolle, sich quasi um Auszubildende zu bewerben – und sie auch im Betrieb zu halten“, so Meike Al-Habash. Wie bei der Dehoga, lernen auch die Azubis der IHK den Umgang mit Konflikten – mit Taktgefühl und Höflichkeit.

Einfühlungsvermögen in unterschiedliche Charaktere

Das ist ganz im Sinne Adolph Knigges. Dessen Name steht heute noch als Synonym für gutes Benehmen. Dabei wollte seine Schrift „Über den Umgang mit Menschen“ niemals Benimmratgeber sein. Knigge war ein Aufklärer, wollte vernunftbestimmtes Handeln. Im Umgang „der Generationen, Berufe und Charaktere sollten zwischenmenschliche Enttäuschungen“ vermieden werden. Um starre   Anstandsregeln ging es Knigge nicht. Sondern um den „menschlichen Anstand“ – der möge sich im Umgang miteinander nach den jeweiligen „Temperamenten, Einsichten und Neigungen der Menschen“ richten. Ein universeller Ansatz, den auch Azubi Charleen Richter beherzigt: „Ich versuche, mich in die Gäste reinzuversetzen.“