Aktuelles / Montag, 25.04.2016

Aufstand im ehemaligen
Alliiertenviertel in Westend

Das könnte die Zukunft sein: Die Deutsche Wohnen will ehemalige Soldatenheime durch moderne Neubauten ersetzen. Simulation: Deutsche Wohnen

Abriss und Neubau für die wachsende Stadt: Die Deutsche Wohnen will ihre Siedlung am Dickensweg in Westend massiv erweitern – doch die Mieter wehren sich erbittert.

Von Thomas Schubert

Schatten legen sich über die einfachen Fassaden der früheren Soldatenheime. Und aus allen Eingangstüren treten Bewohner hinaus in ihre gepflegten Gärten, eilen einer Konferenz in der Aula der Charles-Dickens-Grundschule entgegen, bei der es darum gehen wird, ob und wann sie ihr bisheriges Zuhause verlieren.

Nachverdichtung für die wachsende Stadt

Es ist ein Abend, an dem sich bei einer Anwohnerversammlung der aufgestaute Ärger entladen wird. Denn die ehemalige Alliiertensiedlung am Dickens- und Scottweg mag in den 50er-Jahren auf einfachste Weise errichtet worden sein – die jetzigen Mieter aber hängen an ihren Flachbauten im Grünen. Sie organisieren sich mit Sachverstand und Ausdauer gegen die Deutsche Wohnen. Die Eigentümerin, die die Siedlung abreißen lassen und auf moderne Weise neu erbauen will. Statt der bisherigen 212 Mieteinheiten soll dann die dreifache Zahl den angespannten Wohnungsmarkt entlasten. Nachverdichtung für die wachsende Stadt. Etwas, das in Berlin vielerorts stattfindet.

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Nicht mehr zeitgemäß? In den 50er Jahren entstanden in Westend Wohnungen für britische Soldaten – und die einfache Bauweise genügt Mietern bis heute. Foto: Thomas Schubert

„Kein Standard mehr für die nächsten 50 bis 80 Jahre“

Aber muss man dafür ein intaktes Viertel zerstören? Klaus Zahn von der Deutschen Wohnen hat bei der Versammlung Mühe, Mieter und Bezirkspolitiker zu überzeugen. Er legt Zahlen vor, wonach eine Sanierung der vorhandenen Bausubstanz 2000 Euro pro Quadratmeter kosten dürfte. Ein Abriss und Neubau läge bei 2100 Euro. Und nur so erreicht die Siedlung laut Zahn den Stand der Zeit. „Mit dem Bestand bekommen wir einfach nicht mehr den Standard für die nächsten 50 bis 80 Jahre hin“, wirbt der Experte für das Konzept seiner Gesellschaft.

Garantierter Wiedereinzug in die neuen Häuser

Auf Zweifel an den bisherigen Berechnungen und Planungen seitens der örtlichen Bürgerinitiative „Siedlung Westend“ reagiert er mit Hinweisen auf gelungene Projekte der Deutschen Wohnen mit ähnlichem Stickmuster. „Wir sind Profis“, verspricht Zahn den Kritikern, die den Istzustand bewahren wollen. So garantiert er den Mietern eine Unterbringung in Ersatzwohnungen und den Wiedereinzug in die neu erbauten, drei bis vierstöckigen Wohnhäuser. Und zwar zur gleichen Gesamtmiete wie in den alten Baracken.

Keine Erkenntnisse zur steigenden Verkehrsbelastung

Auf Fragen hinsichtlich des Zeitplans, der zu erwartenden Architektur und der Projektkosten gibt es allerdings noch keine konkrete Auskunft. Auch zur steigenden Verkehrsbelastung im beschaulichen Viertel fehlen verlässliche Erkenntnisse – der Grund, weshalb Zahn nicht nur auf Seiten der Mieter skeptische Kommentare hört. Auch die Bezirksverordneten aller Fraktionen zeigen sich unzufrieden mit den spärlichen Informationen, zumal man sich nach jahrelanger Verzögerung nun am Start eines Bebauungsplanverfahrens befindet.

SPD hält Nachverdichtung für grundsätzlich richtig

„Nach Lage der Dinge und angesichts dieser Stimmung dürfte man hier überhaupt nichts machen“, äußert CDU-Bauexperte Arne Herz Verständnis für den allgemeinen Widerwillen. Und forderte genau wie Heike Schmitt-Schmelz (SPD) eine genaue Klärung von offenen Fragen. „Ich teile die Ängste dieser Leute, weil es hier um den Verlust ihres Wohnraums geht“, versichert Schmitt-Schmelz. Sie lässt aber auch erkennen, dass sie eine Nachverdichtung an dieser Stelle grundsätzlich für richtig hält.

Grüne und Piraten fordern Sanierung des Bestands

Jenny Wieland (Grüne) und Siegfried Schlosser (Piraten) können sich mit der Zerstörung vorhandener Wohnungen hingegen überhaupt nicht anfreunden und betrachten die Sanierung des Bestands als sinnvollen Kompromiss. Ob die Deutsche Wohnen Schimmelbildung und technische Mängel bis zum möglichen Abriss der Häuser in wenigen Jahren überhaupt noch ernsthaft angeht, ist dabei die nächste Frage. Klaus Zahn rechnet vor, man habe seit dem Kauf im Jahre 2007 schon eine halbe Million Euro in die Ertüchtigung investiert. Das sprichwörtliche „Fass ohne Boden“ wolle man nicht länger flicken als nötig.

Stadtrat Schulte beruhigt die Bedenkenträger

Bei der Klärung von strittigen Details setzt Stadtentwicklungsstadrat Marc Schulte (SPD) auf kluge Beschlüsse der BVV-Fraktionen. „Noch sind wir ja erst am Beginn eines Bebaungsplanverfahrens, bei dem wir um Kompromisse ringen werden. Eine Genehmigung für das Projekt liegt noch nicht vor“, beruhigt er Bedenkenträger. Und sieht genügend Eingriffsmöglichkeiten zur Einflussnahme im Sinne der Mieter – „wir werden die Deutsche Wohnen nicht zu billig davonkommen lassen.“ Man wolle auf der Schaffung von 25 Prozent „bezahlbarem Wohnraum“ und der Bereitstellung von Kita- und Schulplätzen bestehen.

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Sie wollen nicht weg: Mieter organisieren sich in einer Bürgerinitiative und fordern eindringlich den Erhalt der Bestandsbauten. Foto: Thomas Schubert

Unruhige Zeiten für die Deutsche Wohnen

In eineinhalb bis zwei Jahren dürfte es am Ende des Bebaungsplanverfahrens überprüfbar sein, in wiefern sich der Bezirk mit allen Forderungen durchsetzt. Bis dahin stehen der Deutsche Wohnen im Fall der Alliiertensiedlung in Westend unruhige Zeiten ins Haus. Denn neben Bürgern und Politikern wird man auch den Berliner Mieterverein zufriedenstellen müssen. Entscheidend dafür dürfte sein, was genau die Bewohner beim Wiedereinzug in die neuen Häuser erwartet. Vize-Geschäftsführerin Wiebke Werner warnt vor Trickserei, wenn sie sagt: „Es darf nicht sein, dass die Mieter zwar zur gleichen Gesamtmiete wohnen dürfen, aber womöglich in einer viel kleineren Wohnung.“