Aktuelles / Freitag, 01.12.2017

Alles hygge: Nordflair im Bayerischen Viertel

Von der virtuellen in die reale Welt des Bayerischen Viertels. Helene Stolzenberg ist vor acht Wochen mit ihrem Onlineshop ins Bayerische Viertel gezogen. Sie findet es spannend, nun ihre Kunden auch persönlich kennenzulernen. Foto: Katja Wallrafen

Ein Laden, der die Seele wärmt. Der Onlineshop nordliebe.de hat eine stationäre Dependance eröffnet. Kunden können ganz altmodisch Produkte auch mal wieder in die Hand nehmen.

Von Katja Wallrafen

Aus der Verkaufswelt des weltweiten Netzes zurück zum stationären Einzelhandel – nicht nur Internetversandriese „Amazon“ oder der Berliner Online-Optiker „Mister Spex“ wiederentdecken die Vorzüge von stationären Geschäftslokalen. „Ich stehe in direktem Kontakt zu den Kunden, ich sehe, was spontan gut ankommt, ich entwickle ein Gespür für die Wünsche der Leute. Das mir wiederum hilft mir dabei, auf Messen oder bei Treffen mit Designern noch zielgenauer auszuwählen, was gefragt ist“, sagt Helene Stolzenberg, Inhaberin des Onlineshops nordliebe (www.nordliebe.de).

Ware ganz altmodisch berühren

„Multichannelling“ oder „Cross-Selling“ ist das Stichwort, wenn Onlinehändler ihren Kunden die Chance geben, Waren wieder ganz altmodisch in die Hand zu nehmen, die haptische  Wahrnehmung zu ermöglichen. Bei Helene Stolzenberg war es ein Geistesblitz, den sie während ihrer Chorprobe in Schöneberg hatte: „Ich bin die Jüngste im Chor und dachte, alle, die hier dabei sind, finden mutmaßlich meine Ware toll – würden aber niemals im Internet bestellen“, erzählt sie. Hinzu kam, dass ihr Onlineshop mit der Vielzahl der Ware, den Kartons und dem ganzen Verpackungskram doch ganz schön viel Raum benötigt. So entstand die Idee, neben dem Online-Shop auch einen ganz normalen Laden zu eröffnen.

Die Nudelhölzer sind on- wie offline momentan sehr gefragt. Im Laden „Nordliebe“ kaufen die Kunden sogar die Zweige, die eigentlich nur zur Dekoration gedacht waren. Foto: Katja Wallrafen

Dafür die richtige Gegend und passende Räume zu finden, war nicht ganz einfach. Helene Stolzenberg benötigt für ihre  Ware viel Platz, zudem sollten die Räume über „Charme und Charakter, einfach eine schöne Atmosphäre“ verfügen. Als Ex-Schönebergerin, die es für einige Jahre auf den Prenzlauer Berg verschlagen hatte, suchte sie schließlich verstärkt in ihren alten Kiez. In den großzügigen und doch verwinkelten Räumen der alten Töpferei an der Salzburger Straße fühlte sie sich sofort wohl – obwohl dem Objekt vor der Renovierung durchaus eine gewisse Düsterkeit anhing. Davon ist nach intensiven Umbaumaßnahmen nichts mehr zu spüren, im Gegenteil – entsprechend den nordischen Designprodukten ist die Atmosphäre hell, klar und offen. Eine Kreidetafel auf dem Gehweg lädt ein: „Kommen Sie herein, hier ist es schön!“ und so sehen es auch die Nachbarn. Sie  finden, in dem Laden könne man seine Seele wärmen.

Die innere Stimme als Kompass

Und auch Helene Stolzenberg ist glücklich mit ihrer Entscheidung, sie fühlt sich nach den ersten Wochen „total wohl“ und sagt „mein Herz ist hier“. Sich von ihrem Gefühl leiten zu lassen, die innere Stimme als Kompass zu nutzen, hat sich für die Unternehmerin bislang als richtig erwiesen. Den Online-Shop baute sie vor fünf Jahren alleine auf – ohne Vorkenntnisse aus der Branche, einfach aus dem Impuls heraus, ihrem Leben eine neue Richtung zugeben. Die Kommunikationswissenschaftlerin kommt aus der PR-Branche, hat dort gerne und erfolgreich mit hübschen Budgets und interessanten Kunden gearbeitet. Vor sieben Jahren, nach der Geburt ihrer Tochter allerdings, sah sie sich mit dem Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf konfrontiert. „Und zwar mit voller Wucht, denn ungeplant war ich plötzlich alleinerziehend“, erzählt sie. „In dieser Situation brauchte ich vor allem Flexibilität, um meiner beruflichen wie privaten Verantwortung gerecht zu werden.“ Weil sich ihre Lebenssituation damals so radikal veränderte, wagte sie den Sprung in die Selbstständigkeit: „Für meinen Onlineshop konnte ich auch nachts arbeiten.“

Nordisches Design schon für die Kleinsten: Von der Kindergartentasche über Teller bis zu Gänsen für die Kinderzimmerdecke. Foto:Katja Wallrafen

Hygge entstresst die Großstädter

Sie beschloss, ihr Faible für skandinavisches Design zur Geschäftsidee zu machen. „Zudem war ich, als frisch gebackene Mama, vergeblich auf der Suche nach schönen Kindersachen, die weder rosa noch bärchenbestückt waren“, erzählt sie. „Kaum zu glauben, aber als ich 2012 begonnen habe, gab es im Netz wenig in dieser Richtung.“ Helene Stolzenberg trug zusammen, was ihr selbst gefiel. Hochwertige Kinderkleidung, geschmackvollen Schnickschnack, hübsche Kinderteller, Duftkerzen, Dalapferde – schöne Dinge aus Schweden, Dänemark, Norwegen… „Ich entdecke immer neue Schätze, halt den Kontakt zu Designern und Illustratoren und stöbere auf Messen“, beschreibt sie. Natürlich profitiert „Nordliebe“ auch vom dänischen „Hygge“-Hype – von der Sehnsucht der gestressten Großstädter nach nach gemütlicher, herzlicher Atmosphäre, in der gemeinsam mit Freunden das Gute im Leben genossen wird.

Also alles wie in Bullerbü? Nein, selbstverständlich ist Helene Stolzenberg Realistin und vergisst beim Erzählen ihrer Erfolgsgeschichte nicht zu erwähnen, dass es manch schwarze Stunde und viele schlaflose Nächte gab: „Es war Learning by Doing. Das heißt, Fehler gehören dazu und man muss auch ein Scheitern oder flaue Wochen aushalten können.“

 

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